Ein Kongress mit Modellcharakter: Heilung lässt sich nicht erzwingen, aber …

Was bleibt, wenn der Kongress seine Teilnehmer wieder in die „freie Wildbahn des Gesundheitswesens“ entlässt, wie es der Vorsitzende der Akademie für Psychotherapie und Seelsorge, Martin Grabe (Oberursel), zum Abschluss des Treffens formulierte?

1. Zunächst einmal Ermutigung. Christen im Gesundheitswesen sind nicht die verschwindend kleine Schar, als die sie sich oft empfinden. Das ist in Kassel deutlich geworden. Auch wenn sich der von knappen Kassen und Arbeitsdruck gekennzeichnete Zustand des Gesundheitswesens in absehbarer Zeit nicht ändern wird, können Christen doch Zeichen setzen. Etwa indem sie sich die Freiheit nehmen für Gespräche mit Patienten – gerade weil sie wissen, dass der Mensch mehr ist als eine Maschine mit einem Defekt, den es zu beheben gilt. Mit schwerkranken Menschen über die Auferstehungshoffnung zu sprechen, kann auch ein Dienst an ihnen sein.

2. Ein Ziel der Veranstalter ist es, das Zusammenwirken von Gesundheitswesen und Gemeinden zu fördern. Damit hat der Gesundheitskongress Modellcharakter. Denn während weithin diffus von Spiritualität die Rede ist, wurden in Kassel konkrete Projekte vorgestellt – etwa die der Gewinner des Christlichen Gesundheitspreises. Wenn es gelingt, die Erkenntnisse von Schulmedizin und geistlicher Dimension im Sinne eines ganzheitlichen Ansatzes noch besser zusammenzubringen, wäre das nicht nur ein Gewinn für die Patienten. Auch das Pflegepersonal und Gemeindemitarbeiter würden davon profitieren, weil es sie entlastete.

3. Und schließlich war der Kongress für das unter Christen unterschiedlich ausgeprägte Verständnis von Heilung ein Gewinn. Manch ein Charismatiker wird verstanden haben, dass Heilung sich eben nicht in Spontangenesungen im Gottesdienst erschöpft, sondern vielfach ein lang andauernder Prozess ist. Und manch nüchterner Landeskirchler wird (neu) den Eindruck gehabt haben, dass Gott doch das scheinbar Unmögliche möglich ist – etwa als Schwester Stefanie aus Gnadenthal davon berichtete, wie ihr Speiseröhrenkrebs nach Gebeten geheilt wurde.

Wohlgemerkt: Auch wenn vielfach von christlicher Pflege die Rede war, kann es natürlich nicht darum gehen, erfolgsorientierte „Joint Ventures von Glaube und Gesundheit zu organisieren“, wie es der Oberkirchenrat der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Wilhelm Richebächer, formulierte. Heilung lässt sich nicht erzwingen – auch nicht durch Gebete! Wohl aber kann der Glaube an einen Gott, der jeden Menschen schützend in seiner Hand hält und der selbst alle Schmerzen am Kreuz erlitten hat, den Horizont von Pflege weiten und Gelassenheit schenken.

 

Matthias Pankau

zurück

Gott steht auch dem bei, der nicht geheilt wird

EKD-Ratsvorsitzende: Nicht leichtfertig über das Leiden anderer hinweggehen

Zu einem sensiblen Umgang mit Kranken und Trauernden hat die EKD-Ratsvorsitzende, Landesbischöfin Margot Käßmann (Hannover), aufgerufen. Man dürfe nicht nach dem Motto „Komm, das wird schon wieder“ über das Leiden anderer hinweggehen, sagte sie auf dem Christlichen Gesundheitskongress. Leid führe an die Grenzen der Erklärungsmöglichkeiten, so Käßmann. Deshalb sei es oft angebracht, still zu werden und zu schweigen.

Gesundheit ist kein Beweis

Wie die Ratsvorsitzende weiter sagte, ist Gesundheit kein Beweis für Gottes Gegenwart und kein Grund, sich selbst zu rühmen. Gottvertrauen könne sich gerade darin zeigen, dass jemand mit seiner Krankheit leben und sterben könne. Gott stehe auch denen bei, die nicht geheilt werden. Christen glaubten an einen Gott, der selbst Leid, Schmerz und Ohnmacht erfahren habe. Gott sei sowohl allmächtig als auch ohnmächtig. Er habe sich aus Liebe zu den Menschen in seinem Sohn Jesus Christus verwundbar gemacht.

Afghanistan-Einsatz: Gebet & Kerzen sind nicht schlecht

Käßmann ging auch auf die Kritik an ihren Äußerungen zum Bundeswehreinsatz in Afghanistan ein. In ihrer Neujahrspredigt hatte die Ratsvorsitzende mehr Fantasie bei der Suche nach friedlichen Lösungen gefordert. Der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages, Reinhard Robbe (SPD), hatte daraufhin gesagt: „Niemand hindert Frau Käßmann daran, sich am Hindukusch mit den Taliban in ein Zelt zu setzen und über ihre Fantasien zu diskutieren, gemeinsam Rituale mit Gebeten und Kerzen zu entwi­ckeln.“ Dazu die Bischöfin: „Ich finde, Gebet und Kerzen sind nicht das Schlechteste. Sie haben immerhin vor 20 Jahren die Welt verändert.“

 

 

Die „Gesundheitsreligion“ ist die teuerste Religion

Psychiater Lütz: Es gibt inzwischen mehr Fitnessstudio-Besucher als katholische Kirchgänger

Die „Gesundheitsreligion“ ist die mächtigste und teuerste Weltreligion aller Zeiten. Diese Ansicht vertrat der Psychiater, Theologe und Bestsellerautor Manfred Lütz (Köln) auf dem 2. Christlichen Gesundheitskongress. Wie Lütz sagte, seien die übersteigerten Vorstellungen von Gesundheit für die Kostensteigerungen im Gesundheitswesen verantwortlich. Inzwischen gebe es mehr Fitnessstudio-Besucher als katholische Kirchgänger. Das Heil werde heute nicht mehr vom Priester, sondern vom Arzt erwartet. Die Gesundheitsreligion habe auch die Kirchen erreicht. Selbst manche Pfarrer betrachteten Gesundheit als höchstes Gut. Lütz zufolge gilt eine Person heute nur noch dann als gesund, wenn sie nicht ausreichend untersucht worden ist.

Man ist gesund, wenn man mit Krankheit leben kann

Realistischer sei es, einen Menschen als gesund anzusehen, der mit seinen Krankheiten leben kann. Gesundheit sei zwar ein hohes, aber nicht das höchste Gut. Die Gesundheitsreligion enttäusche daher die Heilssehnsucht der Menschen. Der Umgang mit dem Tod sei nicht in erster Linie ein medizinisches, sondern ein religiöses Thema. Es komme darauf an, selig zu sterben. Wie der Vorsitzende der Organisation „Christen im Gesundheitswesen“ und Facharzt für innere Medizin, Georg Schiffner (Hamburg), sagte, müsse es das Ziel sein, eine „christliche Heilkunde“ zu etablieren. Christliche Ärzte sollten nicht nur Störungen im Körper, sondern auch die psychosoziale und geistliche Dimension einer Krankheit berücksichtigen. Ärzte sollten dafür in einem Team von Helfern und Begleitern des Kranken zusammenarbeiten. So könnten ehrenamtlich tätige Gemeindemitglieder zusätzlich zur ärztlichen Behandlung Seelsorge, Heilungsgebet und Krankensalbung anbieten.

Diakoniechef: Ein Gebet vor der Operation anbieten

Der Präsident des Diakonischen Werkes der EKD, Klaus-Dieter Kottnik (Berlin), sagte, Diakonie verbinde Gesundheitsarbeit und die Verkündigung des Evangeliums. Dabei sollte Seelsorge nach Möglichkeit in die Therapie einbezogen werden. So könne man Patienten vor der Operation ein Gebet anbieten. Sinnvoll seien auch Gottesdienste, in denen Kranke gesegnet und gesalbt werden.

 zurück

Copyright: idea-spektrum, mit freundlicher Genehmigung

Für mehr Miteinander von Medizin & Seelsorge

Rund 1.500 Teilnehmer beim 2. Christlichen Gesundheitskongress – Ergebnis:

Mit einem Plädoyer für ein verstärktes Zusammenwirken von Medizin, Pflege und Seelsorge ist der 2. Christliche Gesundheitskongress in Kassel zu Ende gegangen. An dem dreitägigen Treffen nahmen rund 1.500 Mediziner, Pfleger, Theologen u. a. teil. „Religiöses Engagement kann als schützender und gesundheitsfördernder Faktor für körperliche, seelische und soziale Gesundheit verstanden werden“, erklärte der Leiter des Forschungsinstituts für Spiritualität und Gesundheit an der Universität Bern, der Arzt René Hefti (Langenthal). Ein positives Fazit des Kongresses zog Pfarrer Dieter Keucher (Chemnitz) vom Trägerkreis. Es sei gelungen, Vertreter aus Pflege und Gemeinden miteinander stärker ins Gespräch zu bringen, als dies bisher im Alltag der Fall sei.

Christlicher Gesundheitspreis

Auf dem Treffen wurde erstmals ein Christlicher Gesundheitspreis verliehen. Damit werden innovative Projekte ausgezeichnet, die das Zusammenwirken von Gesundheitswesen und christlicher Gemeinde fördern. Den 1. Preis erhielt das baptistische Albertinen-Diakoniewerk in Hamburg für seine Initiative „still geboren“. Sie begleitet Eltern, deren Kinder während der Schwangerschaft oder Entbindung starben, auch über den Krankenhausaufenthalt hinaus. Der 2. Preis wurde zweimal vergeben. Einen bekam das Projekt „Wochenende für Kranke und Angehörige“ im Kloster Nütschau (Travenbrück/Schleswig-Holstein). Dieses Angebot will einen „gesunden Umgang mit Krankheit“ ermöglichen und „Schritte zur Heilung gehen“. Ein Team von acht bis 16 Mitarbeitern begleitet 20 bis 50 chronisch oder schwer kranke Menschen. Den anderen 2. Preis erhielt das „Zentrum für Gesundheit-Therapie-Heilung“ in Karlsruhe. Die dortige Nehemia-Initiative will kranken und hilfesuchenden Menschen Wege zu einer umfassenden Heilung aufzeigen und sie auf diesem Weg begleiten. Dabei arbeiten professionelle und ehrenamtliche Helfer intensiv zusammen. Die Preise sind mit jeweils 2.500 Euro dotiert.

Nächster Kongress 2012?

Unter den Teilnehmern des Kongresses stellten Ärzte mit 34% die größte Berufsgruppe, gefolgt von Pflegenden (24%) und Theologen (12%). Veranstalter des Gesundheitskongresses war ein Trägerkreis von verschiedenen Organisationen, u. a. dem Arbeitskreis Christlicher Mediziner, dem Katholischen und dem Deutschen Evangelischen Krankenhausverband, den Christen im Gesundheitswesen, dem Christlichen Institut für Pflegewissenschaft und der Geistlichen Gemeinde-Erneuerung in der Evangelischen Kirche. Der Vorstand überlegt, in zwei Jahren einen weiteren Christlichen Gesundheitskongress zu veranstalten.

Christen sollten Rituale wiederentdecken

Grün: Beim Abschied nicht „tschüss“ sagen, sondern mit Handauflegung ein Segenswort sprechen

Für eine Wiederentdeckung christlicher Rituale hat sich der Benediktinermönch und Bestsellerautor Anselm Grün (Münsterschwarzach bei Würzburg) ausgesprochen. In den sechziger Jahren seien auch in christlichen Kreisen viele Rituale als vermeintlich überholt über Bord geworfen worden, sagte er auf dem Christlichen Gesundheitskongress. Rituale seien etwas anderes als Gewohnheiten. Grün nannte z. B. das Tisch- und Abendgebet und das Verabschieden: Man sollte nicht einfach „tschüss „sagen, sondern dem anderen die Hand auflegen mit den Worten: „Der Herr segne und behüte dich“. Rituale erinnerten daran, dass es eine andere Dimension gebe als das Hier und Jetzt. Es sei gut, sich durch Rituale heilige Orte und heilige Zeiten zu schaffen, die Gott gehörten. „Heilige Zeit ist zugleich heilsame Zeit“, so der Pater. Einen Grund für die vielen Fälle von Ausgebranntsein (Burn-out) sehe er darin, dass Menschen versuchten, möglichst viele Dinge gleichzeitig zu erledigen. Berufstätige Familienväter könnten sich vielfach auch zu Hause nicht auf die Familie konzentrieren, weil sie immer noch an die Arbeit dächten. Rituale könnten helfen, „Türen zu schließen und Türen zu öffnen“, sagte Grün. „Wenn ich die Tür zur Arbeit innerlich nicht schließe, kann ich die Tür zu meiner Familie nicht öffnen.“ Wer alles gleichzeitig mache, stehe ständig im Durchzug: „Das tut der Seele nicht gut.“

Das Gebet um Heilung erfordert Ausdauer

Leiter der Gemeinde-Erneuerung: Ich habe immer Öl bei mir, um salben zu können

Christen sollten beim Gebet um Heilung von Krankheiten nicht vorschnell aufgeben. Vielfach sei Ausdauer nötig, sagte der Leiter der (deutschen) Geistlichen Gemeinde-Erneuerung in der Evangelischen Kirche, Pfarrer Dieter Keucher (Chemnitz), beim Christlichen Gesundheitskongress. Wie er erläuterte, sei Heilung meist ein Prozess und kein punktuelles Ereignis. Neben dem Gebet unter Handauflegung empfahl Keucher auch das Segnen mit Salböl. An zwei Stellen im Neuen Testament werde von dieser Praxis berichtet.

Durch Salben mit Öl wird häufig auch Glaube geweckt

Während die Krankensalbung in der katholischen Kirche ein Sakrament sei, das dem Priester vorbehalten ist, sei nach evangelischem Verständnis das Segnen mit Salböl allen Christen erlaubt. Er habe immer ein Fläschchen mit Öl bei sich. Er habe den Eindruck, dass bei der Verwendung eine biblische Authentizität gegeben sei und häufig auch Glaube geweckt werde. Üblich sei es, dem Kranken mit dem Öl ein Kreuz auf die Stirn oder in die Handflächen zu zeichnen und dabei ein Segenswort zu sprechen.

Wenn Heilung ausbleibt ...

Wenn Heilung auch nach Gebeten über einen längeren Zeitraum ausbleibe, könne das verschiedene Gründe haben. Manchmal werde Gesundheit durch einen falschen Lebenswandel aufs Spiel gesetzt, etwa ungesundes Essen. Heilung könne aber auch dort ausbleiben, wo Vergebung verweigert, an sündhaftem Verhalten festgehalten oder unpräzise gebetet werde. „Die Verletzung muss im Gebet konkret benannt werden“, so Keucher. Es sei ebenfalls möglich, dass eine Krankheit einen höheren Zweck habe und zur Änderung der Lebensweise beitragen soll. Manchmal müssten sich Beter aber auch eingestehen, dass sie keine Erklärung für ausbleibende Genesung haben.

 

Heilung gehört zur Kernkompetenz der Gemeinde

Der Leiter der Geistlichen Gemeinde-Erneuerung im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (Baptisten- und Brüdergemeinden), Heinrich Christian Rust (Braunschweig), vertrat die Ansicht, dass Heilung zur „Kernkompetenz der Gemeinde Jesu Christi“ gehöre. Heilungen seien kein Randthema in der Bibel. So werde im Neuen Testament – nach Abzug der Parallelberichte – von 41 Heilungen berichtet. Daher entspreche es nicht dem neutestamentlichen Zeugnis, das Christentum „nur als Glaubenslehre zu sehen und es der lebensverändernden und heilenden Kraft zu berauben“.

Wir sind keine Geistheiler

Allerdings lasse sich auch aus der Bibel keine feste Form bzw. Methodik der Heilung ableiten. Die Vielfalt der Heilungsmethoden Jesu und der Apostel verbiete es, eine bestimmte für den Heilungsdienst als verbindlich anzusehen. „Wir unterscheiden uns von Geistheilern darin, dass nicht wir die Macht haben, andere zu heilen“, stellte Rust klar. „Wir haben keine eigenen Energien, sondern sind als Betende total abhängig von Christus.“

Copyright: idea-spektrum, mit freundlicher Genehmigung